Er wünschte mir einen gesegneten Sonntag. Nicht nur einmal. Er stand auf, wenn er mich begrüßte, auch als die Kraft sichtbar weniger wurde und das Aufstehen schwerer fiel. Auch, wenn ich ihm sagte, dass er sitzen bleiben könnte, erhob er sich. Es gehörte für ihn zum guten Ton.

Oft war er der erste – ob sonntags zum Gottesdienst oder mittwochs zum Bibelgespräch. Oder zu welchen Veranstaltungen auch immer. Er war da. Er brachte sich ein. Bewusst schreibe ich hier nicht seinen Namen. Gemeinde kannte ihn. Auch bei größter Hitze saß er auf der Bank im Innenhof und wartete, dass jemand kommt und die Tür aufschloss. Im Gottesdienstraum hatte er seinen Stammplatz. Er fehlt schon jetzt.
Es fiel auf, als er nicht zum Bibelgespräch da war. Es fiel auf, als er beim Gottesdienst fehlte. War er verreist? Um Ostern rum, war das ja gut möglich. Viele waren verreist, andere kamen zu Besuch. Auch die Erkältungswelle war noch nicht vorbeigezogen. Mir, wie anderen, hatte er noch einen gesegneten Sonntag gewünscht. Er ging, wie wir alle und wir verabschiedeten uns. Heute wissen wir, es war das letzte Mal.
Wir sahen ihn nicht auf seinem Platz. Wir wussten nichts. Wir machten uns Gedanken, kamen miteinander ins Gespräch. Telefonisch konnten wir ihn nicht erreichen. Zuhause öffnete niemand die Tür. Die Zeitung im Briefkasten lies uns nicht los. Wir blieben dran, wollten wissen, wie es ihm geht, suchten den Kontakt – und erfuhren am letzten Sonntag, dass er nicht mehr lebt. Das macht Menschen in der Gemeinde betroffen. Wir erzählen uns von Begegnungen und Gesprächen mit ihn. Sein Strahlen, mit dem er den Segen weitergegeben hat, hat etwas von der Freude widergespiegelt, von seiner Hoffnung und seinem Glauben. Wir werden ihn vermissen. Sein Platz wird leer sein und der Tod eines Menschen hinterlässt eine Lücke. Er hatte seinen Platz eingenommen und sich mit seinen Möglichkeiten eingebracht.
Worte aus Psalm 84 fallen mir ein: „HERR, ein einziger Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend! Lieber möchte ich Torhüter im Haus meines Gottes sein, als in den Häusern der Bösen zu wohnen. Denn Gott, der HERR, ist für uns Sonne und Schutz. Er schenkt uns Gnade und Ehre. Der HERR wird denen nichts Gutes vorenthalten, die tun, was recht ist.“
Claudia Sokolis-Bochmann
