Mit-Gefühl

Unsere Pastorin hat Urlaub, darum heute von mir ein „Freitagsgedanke“. Im vorletzten Gottesdienst dankte jemand im Gebet dafür, dass nun endlich nach zwei Monaten Winter, die Temperaturen gestiegen sind und der Frühling sich ankündigt. Dieses Dankgebet sprach mir so aus dem Herzen. Nicht nur weil ich selbst unter Winterkälte leide. Nein, auch weil ich mir in diesen oft so bitterkalten Nächten Sorgen um einen besonderen Nachbarn machte. Wie er mir häufig beteuerte, völlig zu Unrecht.

Dieser Mensch, lebt schon seit ca. drei Jahren hier in meiner unmittelbaren Nachbarschaft auf einer Parkbank. Er ist sehr erfahren, lebt schon viele Jahre unter freiem Himmel. Leider spricht er nur wenige deutsche Worte aber wir können uns inzwischen etwas verständigen. Immer ist er freundlich, wenn wir ihn fragen, was er braucht, äußert er seine Bedürfnisse, z.B. nach etwas heißem Wasser. Er existiert von dem, was die Menschen ihm geben, sein „Hab und Gut“ passt in einen Einkaufswagen, er wird offensichtlich ausreichend gut versorgt.

Ich bin sehr dankbar für diese Nachbarschaft, aus drei Gründen. Er zeigt mir, was Vertrauen heißt, lebt wie „eine Lilie auf dem Felde“ (Matthäus 6,28). Er hat hier seine Hütte unter uns aufgeschlagen und erinnert mich daran, dass auch Gott eines Tages, dann wenn er alles neu macht, mit seiner „Hütte“ unter uns Menschen wohnen wird. (Offenbarung 21). Und er macht mir bewusst, dass diese Zeit noch nicht angebrochen ist, noch lebe ich in einer Welt der Gegensätze, mit Armen und Reichen, Krieg und Frieden, in einer Welt, die mich immer wieder konfrontiert und mich nach meiner Verantwortlichkeit fragen lässt, mein (Mit-) Gefühl anspricht.

Heute ist Weltgebetstag. Frauen aus Nigeria haben die Liturgie in diesem Jahr vorbereitet. Auch hier wird die Brücke geschlagen zu Menschen, die anderes leben als ich. Nicht in meiner Nachbarschaft, aber ist die Welt nicht ein Dorf?

Christiane Wirth