Hören und ins Gespräch kommen – Lesung „Meuterei vor Rügen“

Das Leben von Menschen wurde verändert. Ein Ereignis im Jahre 1961 prägte das Leben von Zeitzeugen. „Der Text eines kleinen, unscheinbaren Zettels, geschrieben in den Morgenstunden des 18. Augusts 1961 (…) löste eine Verhaftungswelle unter den Passagieren und einen Justizskandal in der DDR aus.“ So ist auf dem Handzettel zu lesen, der seit Wochen verteilt wird. – Was vor gut 65 Jahren geschah, prägte das Leben von Menschen, die wir kennen, und die als Zeitzeugen darüber reden.

Journalist und Autor Hellmuth Henneberg hat zu dem Ereignis recherchiert und geschrieben. Heute Abend, um 19 Uhr, wird er bei uns in der Gemeinde aus seinem Buch vorlesen. Die Hinweise im Schaukasten unserer Gemeinde sind nicht zu übersehen. Seit Wochen ist die Lesung Thema – weit über die Gemeinde hinaus. Viele haben ihre Teilnahme angekündigt, andere bedauern es zutiefst, dass sie aufgrund von Reisen und Diensten heute Abend nicht dabei sein können.

Geschichte weckt Interesse. Zeitgeschichte ebenso wie persönliches Erleben. Gerade letzteres, diese Zeitzeugenberichte, lassen Zeitgeschehen lebendig werden. Die Jugendlichen von damals sind heute Großeltern und Urgroßeltern. Sie können von einer Zeit berichten, die so anders war als meine Welt, in der ich später aufwuchs. 1961 lag vor meiner Geburt und die DDR war für mich, als Kind aus dem Ruhrgebiet, lange ein weites, weißes Meer auf der Wetterlandkarte nach den Nachrichten, und Berlin die Insel im irgendwo. Dankbar bin ich, dass wir heute voneinander hören und einander kennenlernen dürfen.

Heute Abend ist die Möglichkeit gegeben erlebte Geschichte zu hören, nachzufragen, hinzuhören und zu lernen. Von Zeitzeugen hören und lernen. Für mich liegt da ein Schlüssel einander kennenzulernen und zusammen zu wachsen. Wenn Menschen ihr persönliches Erleben teilen und andere zuhören, dann ist das ein Akt „gegen das Vergessen“, und zugleich Ausdruck der Wertschätzung dem Leben gegenüber. Nicht über jedes Erleben wird ein Buch geschrieben und kein Ereignis gleicht dem anderen, doch Geschichte schreiben wir alle durch unser Leben. Zeitgeschichte gestalten wir alle mit und erleben sie. Darüber miteinander ins Gespräch zu kommen, über Generationen hinweg, erlebe ich als Bereicherung. Daher freue ich mich auf den Abend heute, und bin dankbar, für Menschen, die ihre Geschichte teilen. Heute Abend ist Zeit zuzuhören. Hören Sie mit zu und lernen wir einander kennen?

Pastorin Claudia Sokolis-Bochmann