„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so erklang es am 1. Advent im Gottesdienst und auch am Mittwoch im Seniorenheim, wo Mitglieder aus der Gemeinde wohnen. Eine kleine Gruppe machte sich auf den Weg, um dort zusammen zu kommen, und die vertrauten Lieder der Advents- und Weihnachtszeit anzustimmen. Ich selbst gehe immer wieder sehr beschenkt von so einem Adventssingen nach Hause. Es freut mein Herz, wenn wir gemeinsam in diese Lieder einstimmen, und zu erleben, wie die älteren Menschen auswendig mitsingen, einfach weil ihnen die Texte so vertraut sind. Auch wenn vieles nicht mehr möglich ist, die Texte sind präsent.
Alle Jahre wieder gehe ich mit anderen zu älter gewordenen Menschen, um dort die Weihnachtslieder anzustimmen. Jedes Jahr singe ich das Lied „Tragt in die Welt nun ein Licht, sagt allen fürchtet euch nicht“. Jedes Jahr singe ich auch die Strophe „Tragt zu den Alten ein Licht“. In diesem Jahr stimmte mich das nachdenklich, als wir sie sangen. In meiner Kindheit zeugte dieses Wort „die Alten“ von Respekt und Wertschätzung. Die Weisheit der Alten verband ich mit Achtung und Würde. Das „graue Haupt“ assoziierte ich mit Menschen, zu denen ich aufsehen konnte, die mir was vermittelten vom Leben. Als wir diese Woche von „den Alten“ sangen, kam mir das befremdlich vor. Ist es heute nicht eher ein Schimpfwort? Sachlich richtig. Doch, wer will schon zu „den Alten“ zählen? Ich höre gerne der Generation vor mir zu, auch lerne ich von ihnen. Und Respekt und Wertschätzung habe ich nach wie vor. Und ich staune was manch Seniorin, mancher Senior unter uns immer noch bewegt. Ihre Hingabe für Menschen, der sich in Besuchen und Fürsorge zeigt, der christlichen Glauben praktisch werden lässt, ist mir an manchen Stellen Vorbild.
Aber was ich an dieser kleinen Strophe und dem Begriff der Alten in diesen Adventstagen feststelle, kann ich auf manche der alten Advents- und Weihnachtslieder übertragen. Sprache wandelt sich. Verstehen wandelt sich. Ich selbst mag manche alten Texte gar nicht mehr singen, auch wenn ich die Melodien liebe. Einfach, weil ich die Aussagen viel zu sehr erklären müsste, als das sie von Menschen heute noch verstanden wird. Die Texte erklären sich nicht von selbst. Sie sprechen nicht mehr die Sprache unserer Zeit – und daher vielleicht auch nicht mehr in diese Zeit?
Wie kriegen wir die Texte in die Gegenwart übersetzt? Braucht es neue Lieder? Und ich bin davon überzeugt, dass es sie gibt. Mir sind einige bekannt. Doch sie sind nicht mehr so vertraut. Weil es so viele gibt? Gemeinsamkeiten fehlen?
Keine Zeit des Jahres ist so musikalisch bestückt und ausgeschmückt wie die Advents- und Weihnachtszeit. In keiner Jahreszeit hören wir so viele Kirchenlieder auf den Straßen unserer Stadt, in Geschäften und Häusern. Musikalisch ist das Programm vielfältig – auch bei uns in der Gemeinde. So freue ich mich z.B. auf die Flöten am Sonntag bei uns im Gottesdienst, und stimme gerne in vertraute Melodien und Texte ein. Dabei bewegt mich nicht nur die Botschaft der Weihnacht, sondern auch die Frage, ob wir selbst noch verstehen, was wir singen? Das lässt mich nicht schweigen, sondern Texte umschreiben und nach Worten suchen, die verstanden werden.
Claudia Sokolis-Bochmann
Pastorin Claudia Sokolis-Bochmann ist sonntags um 10 Uhr im Gottesdienst und 14-tägig mittwochs um 15 Uhr zum Bibelgespräch anzutreffen, ebenso am letzten Freitag im Monat von 15-17 Uhr zur KaffeeZeit.- Treffen und Termine können auf Nachfrage zum Gespräch und gemeinsamen Nachdenken mit ihr vereinbart werden.
