Vor meiner Bürotür lag am Mittwoch eine Bibel. Keine Ahnung, wer sie dahin gelegt hat. Es sah nicht so aus, als wenn sie jemand verloren hatte, sondern eher, als versucht sie jemand an die Frau zu bringen. In der Bibel heißt es: „Dein Wort ist ein Licht auf meinem Weg“. Hier scheint es eher einem Stolperstein zu gleichen. Der Pastorin die Bibel vor die Tür gelegt, mach vielleicht am meisten Sinn, wenn man nicht weiß, wohin damit?
Ich habe mich mal als Adressatin verstanden. Ob das so gemeint war, weiß ich nicht. Aber zum einen lag sie vor meiner Tür, zum anderen sehe ich mich auch in der Verantwortung für unseren Treppenaufgang. Und ja, die Bibel sollte da nicht als „Müll“ rumliegen. Gerne wüsste ich, wer sie dahin gelegt hat – und welche Geschichte das kleine Exemplar hat.
Als ich es aufhob, war der Umschlag verdreckt. Da er abwaschbar ist, habe ich das dann auch gemacht, den Umschlag abgewaschen und abgetrocknet. Und dann habe ich sie an den Büchertisch gelegt zum Mitnehmen. Ich wusste in dem Moment nicht, wo ich das Buch besser aufbewahren sollte. Wir haben mehr als eine Bibel zum Verteilen in den Regalen. Zudem bekommt man Bibeltexte heute mit wenigen Klicks per Apps aufs Handy. Ich selbst zücke manches Mal mein Handy, um Bibeltexte vorzulesen. Wer braucht noch ein gedrucktes Exemplar?
Ja, über diese gedruckte Fassung lässt es sich stolpern. Auch ist ein Buch in der Hand was anderes als die App auf dem Handy. Die Leipziger Buchmesse hat gerade erst gezeigt, dass das Buch immer noch im Trend liegt. Doch das Buch auf dem Boden? Abgelegt? Weggeworfen? Verloren?

Beim Schreiben denke ich an das Geld auf der Straße. Wie heißt es: „Wer den Cent nicht ehrt, ist den Euro nicht wert“. Worte Gottes werden in der Bibel mit Kostbarkeiten verglichen, ob dem Gold oder dem Honig. Und ja, für die einen ist es wichtig, den anderen egal.
Ich selbst hätte mir wahrscheinlich weniger Gedanken gemacht, wenn hier an der Stelle einfach ein Roman, die Tageszeitung oder sonst was gelegen hätte. Mal hätte ich mich gefreut, mal geärgert. Bei der kleinen Bibel, die dort am Mittwoch lag, würde ich gerne mit dem Menschen ins Gespräch kommen, der sie dort abgelegt hat.
Wann legen wir die Bibel aus der Hand? Wann nehmen wir sie zur Hand? Fragen über die ich gerne gemeinsam austauschen würde.
Claudia Sokolis-Bochmann
